Nicht nur der Kaffee wird schnell mal nebenbei getrunken. Etwas unterwegs zu erledigen, ist in Mode. Allerdings ist das eine freiwillig entstandene Entwicklung. Ganz anders ist das bei der Geburt unterwegs.

Da immer mehr Geburtsstationen schließen, werden die Wege dorthin immer weiter. Rein rechnerisch ist es logisch, dass sich somit auch die Geburten häufen, die auf dem Weg zur Entbindungsstation stattfinden.

Ganz so eindeutig aber ist es nicht. Sturzgeburten also Geburten unterwegs gab es schon immer, die weiteren Wege tragen vielleicht zu einer leichten Häufung bei. Aber das eigentliche Problem liegt ganz woanders: Geburten auf dem Weg sind für alle Beteiligten ein Schock, auch wenn sie gut verlaufen sind. Solche Erlebnisse lassen sich reißerisch aufmachen und in unserer selbstdarstellerischen Gesellschaft werden sie dann gerne über die großen Kanäle der Sozialen Medien massenhaft verbreitet, wie zuletzt der Beitrag einer Geburt an der Tankstelle. Was für eine schreckliche Vorstellung.

Mehr Angst vor der Geburt unterwegs
Genau das ist das Kernproblem: Schwangeren wird mit diesen Horrorszenarien erst recht Angst gemacht und sie gehen immer früher in die Kliniken, um auch ja rechtzeitig dort zu sein, oft vor dem Einsetzen der aktiven Geburtswehen. Die Angst ist einfach zu überwältigend. Doch das hat Folgen.

Interventions-Kaskade beginnt
Die Kliniken können Gebärende, die sich ganz am Beginn der Geburt (Latenzphase) befinden, nicht wegschicken, also verbringen immer mehr gesunde Frauen mehrere Tage im Krankenhaus. Man kann ihnen schlecht einen Vorwurf daraus machen. Für diese Latenzphase hat eine Klinik allerdings kein Budget. Oft werden die Frauen ungeduldig und die Klinken reagieren. Eine Interventionskaskade beginnt, die bei einer gesund verlaufenden Schwangerschaft und Geburt nicht nötig wäre. Die erste unbegründete Intervention zieht weitere nach sich: für die Gebärende beginnt eine Spirale. Das belastet nicht nur den Körper, sondern auch das Gesundheitssystem.

Wenn weiterhin die Frauen so früh in die Klinik kommen und sich der Heimweg nicht mehr lohnt, wird sich diese Entwicklung weiter verschärfen. Ein Teufelskreis. Das ist das wirkliche Problem, dessen Tragweite ist kaum einschätzbar ist, weil keine Abhilfe in Sicht ist.

Jutta Eichenauer

Ergänzende Information: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat in ihren Empfehlungen für eine gute Geburt die steigende Interventionsrate kritisiert (wir berichteten).
In vielen Fällen sei der Trend zu immer mehr medizinischen Interventionen überflüssig. Die WHO bemängelt beispielsweise den immer häufigeren Einsatz von Wehenmitteln zur Beschleunigung der Geburt.