Die leitende Professur des neugegründeten Studiengangs für Hebammenwissenschaften an der Uni Tübingen wird gemäß Ausschreibung von einer/m Fachärztin/Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe vergeben. Ob es nach europäischen Maßgaben überhaupt zulässig ist, diese Position fachfremd zu besetzen, ist fraglich. Schließlich erfolgt die Akademisierung des Hebammenberufs einer EU-Richtlinien-Forderung, und die Uni Tübingen wird im Rahmen des Hochschul-Ausbauprogramms „Akademisierung der Gesundheitsberufe“ gefördert.

„Deutschland gehört zu den Schlusslichtern in diesem Prozess in Europa – das ist schändlich genug. Hier aber auch noch vom wissenschaftlichen Kern abzuweichen, ist schlichtweg empörend, zumal es durchaus Hebammen mit entsprechender Qualifikation gibt“, so Jutta Eichenauer. Die 1. Vorsitzende des Hebammenverbands Baden-Württemberg sieht darin einmal mehr ein alarmierendes Zeichen für die berufliche Entmündigung der Hebammen. Wobei die EU-Richtlinie nun genau das Gegenteil einfordere.

Eine solche fachfremde Besetzung sei einmalig und in anderen Berufen so nicht vorstellbar, kritisiert Ulrike Geppert-Orthofer, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbands e. V. „Die Hebammenwissenschaften und die Akademisierung des Berufs müssen vorangebracht werden. In Tübingen wird ein falsches Signal gesetzt“, so Geppert-Orthofer. Die Vergabe von leitenden Stellen an andere Professionen dürfe auf keinen Fall Praxis bei weiteren Neugründungen von Hebammenstudiengängen sein.

Auch die Stelle für die Studienkoordination für den Hebammen-Studiengang war fachfremd an einen Geisteswissenschaftler vergeben worden. „Wir respektieren natürlich deren akademische Qualifikation. Aber auch hier schon mussten wir uns fragen, was wohl Geisteswissenschaftler zur Hebammenwissenschaft befähigt und warum man sich dafür nicht an die Fachfrauen gewendet hat“, betont Jutta Eichenauer, die um eine professionelle Ausgestaltung des Studiengangs fürchtet. Sie hat sich bereits an Manne Lucha gewendet, der als Sozialminister für die von der EU geforderte Überführung der Hebammenausbildung an die Hochschule in unserem Bundesland verantwortlich ist.

Der Deutsche Hebammenverband e. V. und der Hebammenverband Baden-Württemberg e. V. haben ihre Kritik an diesem Vorgehen in einer gemeinsamen Pressemitteilung öffentlich gemacht.

Pressemitteilung: Neuer Hebammenstudiengang ohne Hebammen. Hebammenverband kritisiert Universität Tübingen. 08.01.2018