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25.01.2009

Hebammen beraten werdende Eltern

Fast zeitgleich mit dem Bekanntwerden der neuen Kaiserschnittzahlen  durch das statistische Landesamt haben der Hebammenverband  Ba-Wü und die Techniker Krankenkasse eine Veranstaltungsreihe für Hebammen in Baden –Württemberg gestartet.

An sechs Standorten fanden die halbtägigen Veranstaltungen zwischen September und November 2008 statt.

Der baden-württembergische Hebammenverband und die TechnikerKrankenkasse versuchen dem Trend nach einer Kaiserschnittgeburt etwas entgegenzusetzen. Beide Veranstalter gehen davon aus, dass Denken, Fühlen und Erleben in Einklang stehen müssen, damit eine Frau ihre Schwangerschaft und Geburt positiv erleben kann. Ängste und falsche Vorstellungen über eine natürliche Geburt spielen häufig eine Rolle und verstärken den Wunsch der Frauen nach einer operativen Geburt. An diesem Punkt möchte die Veranstaltungsreihe ansetzen. Aufklärung, Beratung und Begleitung der Schwangeren durch eine Hebamme zu einem frühen Zeitpunkt der Schwangerschaft sollen das Vorsorgeangebot erweitern.

„So viele Sectiones als medizinisch nötig, so viele normale Geburten als möglich“
Seit dem ersten Juli 2007 haben alle gesetzlich versicherten  Frauen Anspruch auf ein frühzeitiges und ausführliches Beratungsgespräch durch eine Hebamme. Die Techniker Krankenkasse möchte in Kooperation mit dem Hebammenverband dieses bundesweit geltende Angebot aktiv bewerben, um auf das bislang ungenügend genutzte Potential durch Hebammen aufmerksam zu machen.

Andreas Vogt, Leiter der TK-Landesvertretung Baden-Württemberg verweist in diesem Zusammenhang auf die neuesten Zahlen des statistischen Landesamtes.  Die Ende September veröffentlichten Kaiserschnittraten sind einerseits alarmierend, zeigen aber aufgrund der beträchtlichen Schwankungen innerhalb des Landes zwischen 35% (Bodensee/ Oberschwaben)  und 23% (entlang der Rheinlinie zwischen Baden-Baden und Karlsruhe), dass es multikausale Gründe für das Ansteigen der Sectiorate gibt. Er benennt das steigende Alter der Erstgebärenden, Adipositas bei Mutter und Kind, den Risikokatalog, der bereits heute 75 % der Schwangeren pathologisiert, sowie die Angst vor Haftung und Regress.

Andreas Vogt geht davon aus, dass ein gutes Beratungsangebot durch Hebammen zukünftig Einfluss nehmen könnte auf die Entscheidungskompetenz der Eltern und ein früher Hebammenkontakt  eine weitere Medikalisierung von Schwangerschaft und Geburt verhindern könnte. Wenn Frauen von Anfang an ihr schwangersein primär als Glück und nicht primär als Risiko empfinden, dann wird das ihre Entscheidung über die Art der Geburt beeinflussen.

Drei  Aspekte  benennt der Leiter der TK in diesem Zusammenhang:
-Dies Beratungsleistung ist abrechnungsfähig,  auch wenn keine Pathologie vorliegt, 
- Beratungsleistungen durch die Hebammen müssen kompetent erbracht werden. Im Mittelpunkt steht dabei der Bedarf der Frau. Eine Beratung durch Hebammen setzt also an den Lebensbedingungen, der Lebenswelt  der Schwangeren an, indem deren Bedürfnisse erfragt werden. Dazu gehört, dass eine Beratung objektiv und  frei von Ideologien sein muss.  Eine Beratung sollte zwischen 30 und 60 Minuten dauern und kann bei dem Wunsch nach einer außerklinischen Geburt wiederholt werden.
- Das Ziel der Beratung besteht darin, die Frauen und  Paare entscheidungsfähig zu machen.

„Die Angst vor der normalen Geburt, nicht durch die Angst vorm Kaiserschnitt ersetzen“           
Ulrike Geppert-Orthofer und Marianne Dirks, die Vorsitzenden des Hebammenlandesverbandes Ba-Wü wendet sich mit dieser Informationsveranstaltung an zwei Adressaten. Zum einen ist es die regionale Presse, die an die jeweiligen Veranstaltungsorte zu einem Pressegespräch geladen wird, um über das erweitere Beratungsangebot durch Hebammen zu informieren. „Wir wünschen uns aber auch, dass Hebammen diese Chance nutzen und dieses Angebot ohne ideologischen Dogmatismen vielfältig umsetzen. Es ist unsere Berufsgruppe „, so Ulrike Geppert-Orthofer, „die  Frauen in ihren eigenen Fähigkeiten zu stärken, ein Kind in Liebe und Gelassenheit auszutragen, zu gebären und zu erziehen. Je früher eine Frau in der Schwangerschaft Kontakt zu einer Hebamme aufnimmt, umso besser kann dies gelingen.

 

„Es gibt keine Evidenzen,  die ein chirurgisches Angebot gegen die Angst vor einer normalen Geburt rechtfertigen“

Dr. Bärbel-Basters Hoffmann, Oberärztin der Diakonie Freiburg, zeichnet einen kurzen Abriss der Geschichte des Kaiserschnitts und berichtet, dass noch vor 20 Jahren der Kaiserschnitt als Zeichen von Qualität galt. „Heute kommen die Frauen und verlangen einen  sanften Kaiserschnitt. Das ist ein richtiges Konsumverhalten: ich gehe in den Laden und kaufe mir einen Kaiserschnitt.

Bärbel-Basters-Hoffman plädiert deshalb für eine erweiterte vorgeschaltete Beratung durch Hebammen, denn ihre eigene Zunft  verunsichert  die Frauen von Anfang an.


In früheren Zeiten war das anders, so Bärbel Basters-Hoffmann, da ist jede Frau ihren Weg gegangen, wohl wissend, dass es gefährlich sein kann. Jede Frau hatte seelischen Beistand in ihrer schweren Stunde und in aufrechter Haltung geboren.  „Geburten sind seit den 80iger Jahren sehr sicher geworden, was auf die hygienische Standards und die Antibiose zurückzuführen und nicht ursächlich auf den Kaiserschnitt  – denn trotz Verdoppelung der Sectizahlen, ergab sich keine weitere Steigerung des mütterlichen oder kindlichen outcomes“.

Dennoch wird  immer „schneller geschnitten“, begründet mit einem mehr an Sicherheit für Mutter und Kind.  Basters -Hoffmann entlarvt den angeblichen Zuwachs an Sicherheit. Sie verweist auf all die bekannten Studien der operativen Risiken, der plazentaren Störungen und Spätfolgen für weitere Schwangerschaften nach einer Sectio.

Auch dem Kind ist mit einem Kaiserschnitt nicht gedient. Die respiratorischen Anpassungsstörungen und die erhöhte Asthmaquote nach einer geplanten Sectio ohne Wehen sind bekannt.  Darüber hinaus leidet das Kind bei einer Sectio am wehenlosen Uterus unter einem Oxytoxynmangel. Dadurch wird ein Gen aktiviert, das zuständig ist für die Bildung des Stresshormons Cortisol. Das führt zu einer dauerhaften Überaktivierung der Stressachse und lässt die Kinder unruhig und anfällig werden gegenüber Reizen.

Kaiserschnitt als Akt der Selbstbestimmung? Auch diesen Mythos entlarvt Bärbel Basters-Hoffman, denn selbstbestimmt gebären, heißt als Frau aus eigener Kraft  zu gebären. „Und was tun wir den Kindern an, wenn wir sie willkürlich und gewaltsam holen“? Auch Kinderhaben ein Selbstbestimmungsrecht, zu bestimmen wann sie geboren werden wollen.

„Wir Professionellen müssen wieder lernen uns zurückzunehmen und den Frauen und Kindern die Chance geben aneinander und miteinander in der gemeinsam erlebten Geburt zu wachsen und sich dadurch in Liebe aneinander zu binden“.

Basters –Hoffmann  warnt vor einer Veränderung der Gesellschaft, wenn wir dem Lifestylephänom, nach einer „einfachen Geburt“  nichts dagegen setzen. Erst der gelungene Umgang mit Schmerz und Angst lässt Menschen seelisch wachsen, erwachsen werden.

 

Hebammen beraten stärkend

 

Bettina Jellouschek-Otto, Hebamme und psychologische  Beraterin verweist auf die Dilemmasituation in der sich sowohl die Rat suchenden Frauen als auch die beratenden Hebammen befinden. Es ergeht ihnen dabei wie Odysseus, der sich zwischen Skylla und Charybdis entscheiden muss, zwei Ungeheuern, die die Meeresenge von Messina bewachten. Skylla fraß alles, was lebte und in ihre Reichweite kam und ergriff mit ihren Fangarmen vor allem unvorsichtige Seefahrer, die sich ihr näherten, um Charybdis zu entgehen. Charybdis sog dreimal am Tag das Meerwasser ein, um es danach brüllend wieder auszustoßen. Schiffe, die in den Sog gerieten, waren verloren.

 


Sich  „zwischen Skylla und Charybdis“ zu entscheiden heißt also, den richtigen Weg zwischen zwei schwierigen Situationen hindurch zu finden.


Die große Schwierigkeit bei einem Beratungsgespräch ist also weniger das „was“ (die Inhalte der Beratung werden von den Bedürfnissen der Frau bestimmt), als vielmehr das „wie“, das heißt die Frage nach dem methodischen Vorgehen.


Was aber ist der richtige Weg, oder  wie können Frauen beraten werden, angesichts der Situation, denn :


-Je größer die Zahl der operativen Geburten, desto mehr geht Wissen um die normale Geburt verloren


-Je häufiger  Regressssforderungen  gestellt werden, umso eher wird vorbeugend sectioniert


-Je älter die Erstgebärenden, desto größer wird der Ruf nach Sicherheit, statt Natürlichkeit


Stärkende Beratung, so Bettina Jellouschek-Otto zeigt sich darin, dass ich die Andere in ihrem Sein und in ihren Grenzen respektiere, aber auch mich – dass ich also als Professionelle die sich auftuenden Ambivalenzen und Widersprüche aushalten kann. Die beratende Hebamme muss den Frauen und Paaren die Entscheidung nicht abnehmen, wie ihr Kind geboren werden soll. Stärkend beraten heißt, dass ich die Frau bei ihrer Entscheidungsfindung begleite, aber nicht die Verantwortung für ihre Entscheidung übernehme.


In einer beratenden Funktion muss die Hebamme oszillieren zwischen Nähe und Distanz. Sie muss nah bei der Frau sein, damit diese ihre Gefühle zeigen und ansprechen kann, aber eine beratende Hebamme muss um die Wichtigkeit der Distanz wissen, damit sie durch ihre Empathie nicht die Gefühle der Frau, zum Beispiel der Wut über eine Kollegin oder der Angst vor der Geburt verstärkt.


Angst ist ein wichtiges Thema in der Beratung. Bettina Jellouschek-Otto verweist dabei auf das Buch „Grundformen der Angst“  des Tiefenpsychologen Fritz Riemann. Riemann betrachtet die Angst als zum Menschen gehören. Durch einen bewussten Umgang mit der Angst und deren Überwindung können Menschen in ihrer Entwicklung gefördert werden,  über sich hinauswachsen.


Als Beratende muss auch die eigene Angst reflektiert werden (und dazu bietet genanntes Buch viele Impulse und Erkenntnisse, um den  Frauen gut informierend zur Seite  zu stehen, sie auf dem Weg ihrer Entscheidungsfindung zu begleiten.


Und am Schluss steht die Erkenntnis, dass es Aufgabe der beratenden Hebammen ist bei den Frauen auszuhalten - auch wenn sie andere Wege gehen…

Verfasserin: Dr. Edith Wolber, Pressereferentin des Deutschen Hebammenverbandes